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Aus: Sieglinde Katharina Rosenberger und Gilg Seeber:
Kopf an Kopf. Meinungsforschung im Medienwahlkampf. Wien:
Czernin Verlag
2003.
VI. MEHR ALS EIN SPIEL: EFFEKTE UND WIRKUNGEN
„Hatte Allensbach arglistig die Öffentlichkeit getäuscht, ihr seit Monaten ein
Kopf-an-Kopf-Rennen vorgespielt?“
Diese Frage formuliert Elisabeth Noelle-Neumann in Die Schweigespirale
(2001, 13). Als Meinungsforscherin hatte sie im Bundestagswahlkampf 1965
ein knappes Rennen vorausgesagt. Die Zeit brachte wenige Tage vor der Wahl
ein Interview mit ihr, bei dem sie ein Kopf-an-Kopf-Rennen skizzierte.
Noelle-Neumann beschreibt in ihrem Buch, weshalb damals die Meinungsforschung
an der Erforschung der öffentlichen Meinungen scheiterte. Interessant ist,
dass sie vom Vorwurf der arglistigen Täuschung ausgeht – den sie in der
Folge widerlegt.
VI.1 Manipulation ist nicht die Absicht, möglicherweise aber Resultat
Publizierte Meinungsumfragen sind oft „schnelle Umfragen“,
(Noelle-Neumann/Petersen 1996), mit relativ geringem finanziellem Aufwand
durchgeführt. Die Motive für die Erstellung sind sowohl auf der Seite der
nachfragenden Medien als auch auf der Seite der erhebenden Institute eher
geschäftlicher Art. Die Zeitungen wollen mit spannenden News in unterhaltsamer
Weise Seiten füllen, die Marktforschungsinstitute sind an Medienpräsenz als
Möglichkeit günstiger Public Relations (PR) interessiert. Beeinflussungen und
Effekte, wenn diese auch nicht-intendiert sind, gehen mit der Koalition von
medienzentrierter Meinungsforschung und umfrageorientierten Geschichten
zweifelsohne einher. Die einseitige Deutung von Politik als Wettrennen, für
die die Demoskopie das Konstrukt öffentliche Meinung herstellt, wirkt auf
persönliche Wahlentscheidungen und auf Wahlkampfführungen der Parteien in
mehrfacher Weise.
Ganz anders gelagert sind die Interessen der nicht publizierten bzw. nur
selektiv durchsickernden Umfrageergebnisse, deren Auftraggeber politische
Parteien sind. Hier muss von einer „taktischen Selektivität der
Parteizentralen bei der Veröffentlichung ausgewählter Datenbilder“
(Plasser/Ulram/Sommer 2003, 41) ausgegangen werden. Der Zweck ist die
Intervention ins öffentliche Meinungsklima nach parteipolitischen
Erwägungen. Nicht alleine die Medienpräsenz ist erstrebenswert, sondern
die Chance an der Gestaltung der öffentlichen Meinung teilzuhaben bzw.
mit Hinweisen auf öffentliche Meinung Wahlkampfstrategien zu realisieren.
Die partei- wie demokratiepolitisch relevante Frage, die in diesem
Zusammenhang immer wieder auftaucht, lautet, ob sich ein im
Wesentlichen durch Umfragen hergestelltes Meinungsklima auf individuelle
Wahlentscheidungen auswirkt oder nicht und wenn ja, in welche Richtung.
Mit anderen Worten: ob ein sonntagsfrage-induziertes Meinungsklima mehr
ist als Unterhaltung und Spaß am politischen Wettrennen.
In der Politik- und Kommunikationswissenschaft wird diese Frage eindeutig
beantwortet, nämlich mit Ja. In der Branche der kommerziellen
Meinungsforschung (die die veröffentlichte Meinung zu dieser Frage
dominiert) hingegen, wird dieser Frage oft ausgewichen bzw. die
Bedeutung gerne heruntergespielt. Es wird beteuert, dass die Wirkungen
klein seien, dass sich die unterschiedlichen Ergebnisse in ihrer Wirkung
gegenseitig aufheben würden, und überhaupt, dass eigentlich nicht bekannt
sei, in welche Richtung Umfragen wirken würden.1 Diesen Aussagen ist
die Annahme unterlegt, dass unterschiedliche Umfrageergebnisse in der
Debatte präsent sind. Gerade diese Annahme trifft bei einer Prognose
des Kopf an Kopf, auf die sich nahezu alle publizierten
Meinungsforschungsergebnisse einigten, nicht mehr zu.
MeinungsforscherInnen mit Medienpräsenz geben vor, keine politische
Rolle zu spielen. Sie geben auch vor, nicht in die Nähe politischer
Verantwortung kommen zu wollen und würden deshalb eher bestimmte
Informationen zurück halten (siehe Chronologie im Anhang).
Das beredte Schweigen der Branche über allfällige Wirkungen auf
Parteienkonstellationen und Wahlentscheidungen geht manchmal über
in die Rede der Aktivierung des politischen Interesses. Die
Sonntagsfrage wird gerne als Motor politischer Aktivität dargestellt.
Mit anderen Worten: Gemäß den MeinungsforscherInnen sollten die
KonsumentInnen von Umfragen glauben, dass die Wirkungen gering seien,
dass sie lediglich zur politischen Informationsvermehrung und zur
Aktivierung beitrügen und dass sie natürlich der Unterhaltung dienten.
Eine Vorsichtsmaßnahme in Zeiten großer Lagererosionen und
WählerInnenmobilität ist – wie oben ausgeführt – die Wahlprognosen
als Kopf an Kopf zu formulieren Dadurch können die unmittelbaren
Wirkungen auf einzelne politische Parteien eher klein gehalten bzw.
werden im Falle einer Fehlprognose minimiert.
Die unmittelbare Wirkung auf die individuelle Meinungsbildung und auf
die Bereitschaft zu wählen, ist lediglich eine Dimension, die in
diesem Zusammenhang relevant ist. Diskutiert werden auch indirekte
Wirkungen des horse race, die im Bereich der Politikdarstellung sowie
der Strukturen des politischen Systems liegen.
Im folgenden werden wir Wirkungen und Effekte einer Kopf an
Kopf-ausgerichteten Politikvermittlung diskutieren. Wir nehmen
die in der akademischen Literatur vorgenommene Unterscheidung in
direkte Wirkungen (hinsichtlich Wahlverhalten) und indirekte
Wirkungen (hinsichtlich Politikverständnis und Wahlkampf) auf.
VI.2 Indirekte Wirkungen: Die Deutung des Politischen
Umfragediskurse werden hegemonial (Hirseland/Schneider 201, 390). Sie
weiten sich aus, dominieren das Feld der Wahrnehmungen und Sichtweisen
durch eine sportive, neue und vielleicht gar totalisierende Beschreibung
der politischen Welt.
Im deutschen Wahlkampf 2002 wurde die wachsende Rolle der Meinungsforschung
bereits als politisches Ersatzthema diskutiert. Auch in Österreich ist eine
deutliche Zunahme der Berichterstattung mit Bezug auf
Meinungsforschungsergebnisse zu konstatieren. In diesem Sog wird die
Meinungsforschung selbst zum Thema. Ein Beispiel für diese Tendenz ist
etwa, dass Meinungsforscher zu einer Pressekonferenz über Meinungsforschung
laden und in der Folge dann tagelang über dieses selbstreferentielle
Ereignis berichtet wird (siehe Chronologie).
Informationen über entscheidungsrelevante Themen, die Voraussetzung für
rationales Wählen sind, speisen sich aus redaktionellen Beiträgen, die
auf politischen Umfragen basieren. Beobachtungen zufolge dürfte sich
im Nationalratswahlkampf 2002 die Berichterstattung zu 60 Prozent auf
Umfragen und Koalitionsspekulationen bezogen haben.
Die Umfrageberichterstattung war in ein Schema des Kopf an
Kopf-Rennens gegossen. Dieses Wahrnehmungsmuster führt vor, wie über
Politik gedacht, geschrieben und gesprochen wird, nämlich als
Sportereignis, das sich eher als Show, denn als ernster Prozess der
Machtzuteilung versteht (vgl. Berg 2002; Bretschneider 1996; Kaase 1994).
Der horse race-Journalismus ist auf Personen und deren Image zugeschnitten.
Mit der Deutung der Politik als Wettrennen bekommt das Politische mehr
denn je ein „Gesicht“. Es geht, so der Politikwissenschafter Thomas
Meyer (2001, 154) kaum „je um den Wettbewerb politischer Programme und
Ideen, die etwa zuvor unter breiter Bürgerbeteiligung in den großen
Parteien erarbeitet worden wären...“ Damit wird einmal mehr die Bedeutung
der Berichterstattung über Sachthemen und politische Themen relativiert.
Die Orientierung an Köpfen steigert das Interesse am Ranking der
KandidatInnen bzw. der Parteien, ohne dass damit notwendigerweise
auch informiert werden würde, welche Sachthemen und Ideologien
hinter diesen Köpfen stehen.
Die Dominanz der demoskopisch ausgerichteten Umfrageberichterstattung
und ihre Verknappung als Kopf an Kopf wird als Seichtheit und als
Ablenkung von politischen Inhalten kritisiert. Die Umfragekommunikation
reduziere politische Themen und Problemstellungen darauf, was sich mit
den einfachen Methoden des Umfragebusiness erfragen lasse. (1999/2000)
sieht in dieser Tendenz eher eine Verkürzung denn eine Erweiterung der
öffentlichen Debatten.
Die im Sog der Sonntagsfrage stehende Kopf an Kopf-Berichterstattung
konzentriert sich auf SpitzenkandidatInnen und in Mehrparteiensystemen
zusätzlich auf Lager- und Koalitionsspekulationen. Auch die Zustimmung
bzw. Ablehnung von Koalitionsvarianten lässt sich relativ einfach abfragen,
passt ins methodische und thematische Konzept der Sonntagsfrage. Mit dieser
Realitätswahrnehmung können unmittelbare Effekte einhergehen. Eine Kopf an
Kopf-Rahmung kann dazu veranlassen, dass weniger die politische Bewertung
der zurückliegenden Regierungs- und Parlamentsarbeit die Wahlentscheidung
bestimmt, sondern dass eher der Wunsch nach einer bestimmten zukünftigen
Parteienkonstellation überwiegt (Müller 2002).
Die Personalisierung des Politischen ist nicht neu, sie ist vielmehr bereits
Ergebnis der Bedeutungszunahme der Bildmedien (Brettschneider 2002). Durch
die aktuelle Umfragekonjunktur in den Printmedien erfährt sie aber einen z
usätzlichen Schub und eine quantitative Ausweitung. Trat die Personalisierung
bisher stark in Zusammenhang mit der Telepolitik auf, so erfasst diese durch
das „joint venture“ nun auch die Printmedien.
In Österreich bedeutet - vor dem Hintergrund der Parteiendemokratie, des
Verhältniswahlrechts und der Lagerkultur der Zweiten Republik - die
Relativierung der Parteienorganisationen und die Reaktivierung des politischen
Lagerdenkens eine relevante Verschiebung in den Strukturen des politischen
Systems. Die Parteiorganisationen verlieren zugunsten der
SpitzenkandidatInnen, das Lagerdenken taucht nach kurzer Unterbrechung auf
der diskursiven Ebene wieder auf. Kopf an Kopf reaktiviert die zwei Lager,
wo doch eben erst die mittlerweile vier etablierten Parteien die
traditionelle Lagerkultur zum Erodieren gebracht hatten.
Die Lagerthematik scheint einem allgemeinen Muster von politischen Systemen
mit Verhältniswahlrecht zu folgen: Die Kopf an Kopf-Rhetorik hatte auch
die Niederlande als Polarisierung des politischen Spektrums in zwei
Lager erfasst.
Kopf an Kopf ist ein politisches Differenz-Prinzip, das zwei (und nur)
zwei Alternativen kennt. Dieses Prinzip verlangt nach zwei Köpfen bzw.
nach zwei konkurrierenden Personen bzw. nach zwei konkurrierenden
Lagern (bestehen in Österreich aufgrund des Mehrparteiensystems aus
Koalitionen). Die Lagerthematik hat im Wahlkampf 2002 eine nicht
unwesentliche Rolle gespielt. SPÖ und Grüne formulierten während der
Legislaturperiode ihre Kritik am Lager der Regierungskonstellation
von ÖVP/FPÖ ; während des Wahlkampfes warnten ÖVP und FPÖ vor dem linken
Lager einer SPÖ/Grüne-Regierung. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel lehnte
bereits zu Beginn des Wahlkampfes eine Koalition mit der SPÖ ab
(„Rot-Schwarz wäre der Stillstand“2) und kündigte die Fortführung
der Koalition mit der FPÖ (die in dieser Zeit in heftigen Turbulenzen
war) an. Der Kanzler argumentierte lagerkonform. Medien berichteten
in der Folge von einer Richtungsentscheidung zwischen ähnlich
starken Lagern, wodurch die jede einzelne Stimme aufgewertet werden würde.3
Neben der Personalisierung von Politik entspricht einer Kopf an
Kopf-Situation, dass die politische Bühne metaphorisch in eine Arena
des Sports transformiert wird und die politische Auseinandersetzung
um die Legitimation von Macht (Wahl) die Gestalt eines Olympiabewerbes,
eines Boxkampfes, eines 100-Meter-Laufes, eines Fußballsspiels etc. annimmt.
Charakteristisch für Kopf an Kopf ist: Erstens die ausgeprägte
Personalisierung auch in den Printmedien und zweitens eine Darstellung
der PolitikerInnen als Sportler und Boxer, als Läufer und Fußballspieler.
VI.3 Direkte Wirkungen: Wahlentscheidung und Wahlbeteiligung
Elisabeth Noelle-Neumann (2001) hat mit der sog. Schweigespirale der
Debatte um direkte Effekte der öffentlichen Meinung einen interessanten
Impuls gegeben. Die Schweigespirale bezieht Umweltwahrnehmungen in die
individuelle Meinungsbildung ein. Sie deutet an, dass das durch
Meinungsforschung und Medien (insbesondere durch das Fernsehen) hergestellte
Meinungsklima die persönliche Meinungsbildung und somit auch die
Wahlentscheidung beeinflussen kann. Konkret besagt die Schweigespirale,
dass von der Siegeserwartung, die sich erst mit Hilfe der öffentlichen
Meinung bildet, ein Einfluss auf die Wahlentscheidung ausgehen kann.
Dabei tritt das Phänomen eines „dualen Meinungsklimas“ auf: Weil Menschen,
so die These, sich nicht isolieren wollen, schweigen sie eher als dass
sie ihre abweichende Meinung gegenüber der Öffentlichkeit (bzw. den
UmfragerInnen) äußern.
Neben der Schweigespirale werden in der Literatur im wesentlichen zwei
Effekte einer demoskopisch hergestellten öffentliche Meinung genannt
(Donsbach 1993; Donsbach 2002):
Bandwagon-Effekt: Dieser geht davon aus, dass Menschen eher auf
der Seite der prognostizierten SiegerInnen stehen wollen und daher
tendenziell einen „gewinnenden“ Kopf unterstützen (dies muss nicht
der erste Platz sein). Umfragen, die eine Partei/eine Person als
erste platzieren, können den Effekt einer Aufwärtsbewegung stimulieren.
Relevant wird dieser Effekt in einer Situation, in der das Wechselwählen
modern ist, viele unentschlossene WählerInnen auf dem Markt zu haben
sind oder strategisch gewählt wird.
Underdog-Effekt: Diese Wirkungsvermutung besagt, dass Menschen
in einer bestimmten Situation an einem Ausgleich interessiert sind, dass
sie Mitleid zeigen und daher ein prognostizierter Verlust bzw. eine
Niederlage für diese Person/Partei durchaus mobilisierend und
unterstützend sein kann. Gerade bei Unentschlossenen und strategischen
WählerInnen wird angenommen, dass sie sich im Laufe einer Kampagne in
dieser Weise verhalten können. Dahinter steht die Annahme, dass
WählerInnen den Sieg einer Partei eher geringer halten wollen.
Tabelle
VI.1: Wirkungshypothesen
|
Land
|
Wirkung
auf..
|
Begünstigte
Gruppe
|
|
Bandwagon
|
Stimmabgabe
|
Stärkere
Partei
|
|
Underdog
|
Stimmabgabe
|
Schwächere
Partei
|
|
Defätismus
|
Wahlbeteiligung:
Anhänger schwächerer Partei wählen nicht mehr
|
Stärkere
Partei
|
|
Lethargie
|
Wahlbeteiligung:
Anhänger stärkerer Partei wählen nicht mehr
|
Schwächere
Partei
|
|
Mobilisierung
|
Wahlbeteiligung:
Anhänger einer oder beider Parteien beteiligen sich stärker
|
Stärkere,
schwächere oder beide Parteien
|
|
Fallbeil
|
Stimmabgabe:
Anhänger kleiner Parteien wählen für Zweitpräferenz
|
Größere
Parteien
|
|
Ermöglichungstaktik
|
Stimmabgabe:
Anhänger irgendwelcher Parteien wählen für Zweitpräferenz um
Koalition zu ermöglichen
|
Die
anderen Parteien
|
|
Verhinderungstaktik
|
Anhänger
irgendwelcher Parteien wählen für Zweitpräferenz, um Mehrheit
zu verhindern
|
Die
anderen Parteien
|
Quelle:
Donsbach (2002)
Sowohl die bandwagon-These als auch die underdog-These ziehen in
Betracht, dass ein bestimmtes Segment von WählerInnen eher auf Ergebnisse
von Meinungsumfragen, also auf veröffentlichte Stimmungen von anderen
reagiert, als ihre Wahlentscheidung aufgrund von Informationen über
Leistungsbilanzen der Parteien oder Kompetenzen der KandidatInnen
ausrichtet.
Tabelle
VI.2: Subjektiver Einfluss der Veröffentlichung von
Meinungsforschungsergebnissen für die persönliche Wahlentscheidung
(Selbsteinschätzung) – Nationalratswahlen 1999 und 2002
|
|
1999
|
2002
|
|
In
Prozent der Befragten wurden
|
stark
beeinflusst
|
eher
beeinflusst
|
nicht
beeinflusst
|
stark
beeinflusst
|
eher
beeinflusst
|
nicht
beeinflusst
|
|
Frauen
|
3,6
|
17,8
|
80,0
|
2,2
|
17,8
|
80,0
|
|
Männer
|
3,6
|
16,2
|
80,2
|
3,2
|
18,3
|
78,4
|
|
Frauen
und Männer
|
3,6
|
15,9
|
80,5
|
2,7
|
18,1
|
79,3
|
Quelle:
FESSEL+GfK, Exit Poll zur Nationalratswahl 1999 und 2002; eigene
Berechnungen
Ein Fünftel der WählerInnen haben sich nach eigener Einschätzung sowohl 1999
als auch 2002 von Meinungsumfragen beeinflusst gefühlt. 2002 gaben Männer
etwas deutlicher als Frauen eine Beeinflussung an. Diese Selbsteinschätzung
unterstreicht eine Wirkung von Meinungsforschungsergebnissen auf
Wahlverhalten – die Richtung ist daraus nicht ablesbar.
Tabelle
VI.3:
Subjektiver Einfluss der Veröffentlichung von
Meinungsforschungsergebnissen für die persönliche Wahlentscheidung
(Selbsteinschätzung) nach gewählter Partei, Nationalratswahl 2002
|
In
Prozent der Befragten wurden
|
stark
beeinflusst
|
eher
beeinflusst
|
nicht
beeinflusst
|
|
Geschlecht
|
gewählte
Partei
|
|
|
|
|
Frauen
|
ÖVP
|
2,5
|
18,3
|
79,2
|
|
|
SPÖ
|
2,0
|
17,5
|
80,5
|
|
|
FPÖ
|
0,0
|
16,3
|
83,7
|
|
|
Grüne
|
3,4
|
18,9
|
77,6
|
|
Männer
|
ÖVP
|
3,6
|
18,8
|
77,6
|
|
|
SPÖ
|
3,7
|
18,1
|
78,2
|
|
|
FPÖ
|
2,2
|
16,8
|
81,0
|
|
|
Grüne
|
1,5
|
21,6
|
76,9
|
|
Frauen
und Männer
|
ÖVP
|
3,1
|
18,6
|
78,4
|
|
|
SPÖ
|
2,7
|
17,7
|
79,6
|
|
|
FPÖ
|
1,3
|
16,6
|
82,1
|
|
|
Grüne
|
2,6
|
20,0
|
77,4
|
Quelle:
Fessel-GfK, Exit Poll zur Nationalratswahl 2002; eigene Berechnungen
Auf der Grundlage von Exit Polls 2002 lassen sich FPÖ-WählerInnen
relativ am wenigsten von Meinungsumfragen „beirren“,
Grüne-WählerInnen hingegen relativ gesehen am meisten.
Tabelle
VI.4:
Subjektiver Einfluss der Veröffentlichung von
Meinungsforschungsergebnissen für die persönliche Wahlentscheidung
(Selbsteinschätzung) nach politischen Mobilitätstypen;
Nationalratswahl 2002
|
In
Prozent der Befragten wurden
|
stark
beeinflusst
|
eher
beeinflusst
|
nicht
beeinflusst
|
|
Geschlecht
|
Politischer
Mobilitätstyp
|
|
|
|
|
Frauen
|
Stammwählerinnen
|
1,5
|
17,0
|
81,4
|
|
|
verunsicherte
Stammwählerinnen
|
0,9
|
18,7
|
80,5
|
|
|
verunsicherte
Wechselwählerinnen
|
3,7
|
23,3
|
73,1
|
|
|
Wechselwählerinnen
|
4,6
|
15,1
|
80,3
|
|
Männer
|
Stammwähler
|
3,5
|
15,4
|
81,1
|
|
|
verunsicherte
Stammwähler
|
3,7
|
25,8
|
70,6
|
|
|
verunsicherte
Wechselwähler
|
2,3
|
15,7
|
82,1
|
|
|
Wechselwähler
|
3,1
|
17,7
|
79,2
|
|
Frauen
und Männer
|
StammwählerInnen
|
2,4
|
16,3
|
81,3
|
|
|
verunsicherte
StammwählerInnen
|
2,2
|
22,0
|
75,9
|
|
|
verunsicherte
WechselwählerInnen
|
3,1
|
19,8
|
77,1
|
|
|
WechselwählerInnen
|
3,8
|
16,4
|
79,8
|
Quelle:
Fessel-GfK, Exit Poll zur Nationalratswahl 2002; eigene Berechnungen
Begriffsdefinition:
StammwählerInnen, die auch im Wahlkampf in keiner Phase kurzfristig
an die Wahl einer anderen Partei gedacht haben; verunsicherte
StammwählerInnen, die im Wahlkampf auch kurzfristig an die Wahl
einer anderen Partei gedacht haben; verunsicherte WechselwählerInnen,
die im Wahlkampf auch kurzfristig an eine andere als die dann
definitiv gewählte präferierten; WechselwählerInnen, deren
Wechselentscheidung vom Beginn des Wahlkampfs an fest stand
(Plasser/Ulram/Seeber 1996). Basis:
WählerInnen, die für eine der im Parlament vertretenen Parteien
gestimmt haben und bei der NRW 1999 wahlberechtigt waren.
Wenig überraschend ist, dass, entsprechend der Selbsteinschätzung,
StammwählerInnen angeben, weniger durch publizierte Umfragen
beeinflusst zu werden als dies WechselwählerInnen tun. Bei den
Frauen sind es die sog. verunsicherten Wechselwählerinnen, die
sich stärker beeinflusst fühlen, bei den Männern hingegen die
sog. verunsicherten Stammwähler.
Wer sind VerliererInnen dieses Spiels zwischen Medien und
Meinungsforschung? Was ist mit den strategischen WählerInnen,
die ihre individuelle Wahlentscheidung vom „Wissen“, das sie aus
Umfragen beziehen, abhängig machen?
Wahlprognosen sind bedeutsam für sog. strategisches Wählen. Der
Begriff „strategisches Wählen“ bringt zum Ausdruck, dass WählerInnen
ihre Wahlentscheidung nicht nur aufgrund von ideologischen Haltungen,
Themen und Personen abhängig machen, sondern dass diese Entscheidung
auch von den erwünschten bzw. erwarteten Mehrheits- und
Regierungskonstellation abhängig gemacht wird. Dieses strategische
Handeln mag zwar subjektiv als die zweitbeste Option identifiziert
werden, im Hinblick auf die prospektive Parteienkonstellation gilt
diese Entscheidung aber als die wichtigste. Strategisches Stimmverhalten
setzt eine Kenntnis der öffentlichen Meinung bzw. von Wahlabsichten
anderer voraus und bedingt in gewisser Weise Meinungsumfragen, oder
anders formuliert: Erst die Existenz von Meinungsumfragen ermöglicht
strategisches Wählen.
Im Nationalratswahlkampf 2002 spielten Lager- und Koalitionsaussagen
sowohl auf der Seite der politischen Parteien als auch im medialen
Kopf an Kopf-Rennen eine zentrale Rolle. Diese Deutung dürfte sich
bei den WählerInnen nieder geschlagen haben. Christoph Hofinger von
SORA wird im Standard vom 22. November 2002, also wenige Tage vor
der Wahl, zitiert: „...rund 20 bis 30 Prozent der einfachen Wähler
fällen ihre Wahlentscheidung nach taktischen Überlegungen ... Aufgrund
von Meinungsumfragen und Gesprächen im Freundeskreis sehen diese Wähler
ein Gemälde vor sich, wie die Wahl ausgehen wird. In dem Gemälde haben
sie zwar eine Lieblingsfarbe – versuchen aber andererseits, die
Proportionen der Farben zueinander in ihrem Sinn zu korrigieren.“
Koalitionsaussagen spielten bei taktischen WählerInnen eine wesentliche
Rolle, so eine weitere Aussage Hofingers.
Das Risiko der strategischen WählerInnen hängt von der Qualität und
Seriosität der Wahlprognosen ab. David Pfarrhofer, market, dazu
ebenfalls im Standard derselben Ausgabe: „Wenn die Umfragen nicht
stimmen, stimmt natürlich auch die zurechtgelegte Taktik nicht. Daher
birgt das taktische Wählen das Risiko, sich nachher zu ärgern“.
Exakt an diesem Punkt beginnt das Spiel mit der Sonntagsfrage, das
anscheinend ohnehin niemand so recht glücklich zu machen scheint,
aber kontinuierlich weiter gespielt wird, demokratiepolitisch ernst
zu werden. Die Salzburger Nachrichten titeln „Von der Wählertäuschung
zur Publikumsunterhaltung“1. Nicht dass die strategischen WählerInnen
selbst angeben würden, dass sie sich von Meinungsumfragen beeinflussen
lassen, wesentlich ist, dass diese Entscheidungen die Wahlprognosen
als Informationen bedingen.
Nimmt das demoskopisch-mediale Kopf an Kopf – selbst wenn es dieses in
den Daten nicht gibt – eine Täuschung einer ziemlich großen Gruppe,
nämlich der strategisch Wählenden auf die leichte Schulter?
Die Voraussage eines knappen Ergebnisses kann kleine Parteien auch zum
Scheitern an der parlamentarischen Einstiegshürde bringen. Dieser sog.
Fallbeil-Effekt war bei der Nationalratswahl 1999 zu beobachten als
Kommentare aufgrund von Sonntagsfragen dem LIF immer und immer wieder
ein knappes Ergebnis voraussagten. Eine Stimme für das LIF konnten bzw.
mussten WählerInnen als „weggeworfene Stimme“ wahrnehmen. Tatsächlich
schaffte das LIF den Einzug in den Nationalrat nicht mehr.
Eine direkte Wirkung eines prognostizierten Kopf an Kopf-Matches könnte
schließlich im Bereich der Wahlbeteiligung zu verorten sein. Eine Kopf
an Kopf-Situation hält den Wahlausgang offen und weckt das Interesse für
Politik, motiviert WählerInnen und mobilisiert FunktionärInnen, sich für
ihre Partei verstärkt zu engagieren. Denn es kommt schließlich auf jede
Stimme an! Ein Blick auf sehr knappe Wahlergebnisse macht diese Rede
auch tatsächlich plausibel: In den USA haben bei den Präsidentschaftswahlen
2000 vergleichsweise wenige Stimmen über den Präsidenten ebenso wie bei den
Bundestagswahlen in Deutschland 2002 über die Regierungskonstellation
entschieden. Bei der österreichischen Nationalratswahl 2002 ist nach Umfragen
von Fessel-GfK das politische Interesse gewachsen
(Plasser/Ulram/Sommer 2003, 24). Ob dies alleine auf horse race zurück zu
führen ist, darf aber stark bezweifelt werden.
Die Rahmung als Kopf an Kopf, die das politische Interesse stärkt und
aktiviert, kann sich positiv auf die Wahlbeteiligung auswirken. Die
faktische Wahlbeteiligung kann als Indikator herangezogen werden. In
Österreich wurde 2002 der seit den 1980er Jahren vorhandene Trend der
sinkenden Wahlbeteiligung gestoppt - ohne jedoch den Wert von 1995
wieder zu erreichen (1995 betrug die Wahlbeteiligung 86,1 Prozent;
1999 lag sie bei 80,4 Prozent und 2002 schließlich bei 84,3 Prozent).
Demgegenüber ist in Großbritannien 2001, als der Sieg von Tony Blairs
Labour Party im Vorfeld schon als sicher galt, die Wahlbeteiligung
weiter gesunken.
Wenn wir nach dem Interesse von politischen Parteien an einer
Kopf an Kopf-Politikvermittlung, die wie oben gezeigt, mobilisierend
wirkt, fragen, dann ist in Erwägung zu ziehen, welche politischen
Parteien eher von einer niedrigen bzw. eher von einer höheren
Wahlbeteiligung profitieren bzw. nachteilig betroffen sind. Diese
Überlegung ist zu berücksichtigen, wenn es darum geht, abzuschätzen,
welche Parteien ein Interesse an Kopf an Kopf haben und welche eher nicht.
Konsequenzen der als öffentliche Meinung verkleideten demoskopischen
Befunde werden insbesondere bei Inhalten und Formen des Wahlkampfverlaufes
vermutet. Zu diesen Auswirkungen von Umfragen auf Wahlkampfstrategien und
über Re-Aktionen der politischen Parteien auf die (Schein-) Existenz der
öffentlichen Meinung verweisen wir auf die Ausführungen des nächsten
Kapitels.
Zitierte Literatur
Berg, Thomas, Hrsg. (2002): Moderner Wahlkampf. Blick hinter die
Kulissen. Opladen: Leske und Budrich.
Brettschneider, Frank (1996): Wahlumfragen und Medien Eine
empirische Untersuchung der Presseberichterstattung über
Meinungsumfragen vor den Bundestagswahlen 1980 bis 1994.
In: Politische Vierteljahresschrift 37, 475493.
Brettschneider, Frank (2002): Spitzenkandidaten und
Wahlerfolg. Personalisierung - Kompetenz - Parteien. Ein
internationaler Vergleich.
Opladen: Westdeutscher Verlag.
Donsbach, Wolfgang (1993): Inhalte, Nutzung und Wirkung politischer
Kommunkation. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft
22, 389-408.
Donsbach, Wolfgang (2002): Gutachten. In: Bericht der
parlamentarischen Enquete-Kommission betreffend mögliche Beeinflussung
von Wahlkämpfen bzw. Wahlergebnissen durch Veröffentlichung von
Meinungsumfragen unmitelbar vor Wahlen bzw. durch Bekanntgabe von
Teilwahlergebnissen vor dem amtlichen Wahlende. 1004 der Beilagen zu
den Stenographischen Protokollen des Nationalrates XXI. GP,
4970.
Hirseland, Andreas und Werner Schneider (2001): Wahrheit,
Ideologie und Diskurse. Zum Verhältnis von Diskursanalyse und
Ideologiekritik. In: Reiner Kelle u.a. (Hrsg.): Handbuch
sozialwissenschaftlicher Diskursanalyse. Band 1: Theorien und
Methoden.
Opladen: Leske und Budrich, 373402.
Kaase, Max (1998): Demokratisches System und die mediatisierung von
Politik.
In: Ulrich Sarcinelli (Hrsg.): Politikvermittlung und Demokratie in der
Mediengesellschaft. Beiträge zur Politischen Kommunikationskultur.
Opladen:/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 24-51.
Kovach, Bill (1999/2000): The Impact of Public Opinion Polls.
Nieman Reports. The Nieman Foundation for Journalism at Harvard
University. Double Issue, Vol. 53 No. 4 Winter 1999.
Meyer, Thomas (2001): Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik
durch die Medien. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Müller, Wolfgang C. (2002): Gutachten. In: Bericht der
parlamentarischen Enquete-Kommission betreffend mögliche Beeinflussung
von Wahlkämpfen bzw. Wahlergebnissen durch Veröffentlichung von
Meinungsumfragen unmitelbar vor Wahlen bzw. durch Bekanntgabe von
Teilwahlergebnissen vor dem amtlichen Wahlende. 1004 der Beilagen zu
den Stenographischen Protokollen des Nationalrates XXI. GP,
1316.
Noelle-Neumann, Elisabeth (2001): Die Schweigespirale.
Öffentliche Meinung unsere soziale Haut.
München: Langen Müller (6. Auflage).
Plasser, Fritz, Peter A. Ulram und Gilg Seeber (1996):
(Dis-)kontinuitäten und neue Spannungslinien im Wählerverhalten:
Trendanalysen 19861995.
In: Fritz Plasser, Peter Ulram und Günter Ogris (Hrsg.):
Wahlkampf und Wählerentscheidung. Analysen zur Nationalratswahl
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Kampagnendynamik, Mediahypes und Einfluss der TV-Konfrontationen
2002. In: Fritz Plasser und Peter A. Ulram (Hrsg.):
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